Preisverleihung 01.Oktober 2016

01.Oktober 2016

 

18.30 Uhr – 19.30 Uhr PREISVERLEIHUNG

20.00 Uhr – KÄTHE, Aufführung des Siegerbeitrags

 

Die Weisse Rose

Martin-Luther-Straße 77

10 825 Berlin – Schöneberg

Eintritt frei, barrierefrei, u.A.w.g

stana.schenck(at)gedenkort-T4.eu

Mobil: 0171-4550835

 

Anfahrt:

 

PREISTRÄGER 2016

1.PREIS
KÄTHE - Ein Opfer der Euthanasie im Nationalsozialismus

Schulzentrum Geschwister Scholl Bremerhaven

Grundlage der gemeinsam von Schülerinnen und Schülern entwickelten Produktion ist Biographie Käthe Spreens, einer jungen Frau, die in Bremerhaven und Beverstedt gelebt hat. Käthe hatte, vermutlich nach einer versuchten Vergewaltigung, psychische Probleme und wurde aufgrund dessen mehrmals in die Heilanstalt in Lüneburg eingewiesen. 1941 wurde sie nach Hadamar gebracht und dort im Rahmen der Euthanasie-Tötungsaktionen ermordert. Ihr Tod war in der Familie lange Tabu, erst 2010 erfuhr die Kusine Henrita Lindner die traurige Wahrheit. Das Stück KÄTHE veranschlaulicht sowohl das Schicksal Käthes als auch die Perspektive Henritas, die immer wieder nachfragt, was mit ihrer Kusine passiert sei.

Trailer: https://youtu.be/grF8YPaO6V4
Ton, Schnitt, Video: Paul Kemner

 

2.PREIS
Geheimnisse im Kopf

Carl-Off-Gymnasium Unterschleißheim und Heilpädagogisches Zentrum Augustinum Oberschleißheim

Anton Brocke ist wenige Jahre alt, als er infolge eines Unfalls einen Hirnschaden erleidet, der zu bleibenden feinmotorischen Störungen führt. Heute würde man von einer Teilleistungsstörung sprechen. Unter den "Euthanasie"- Gesetzen des nationalsozialistischen Deutschlands ist es eine permanente Lebensbedrohung. Aus der Perspektive der Familie zeigt sich, wie sich die Situation für Behinderte, Juden und Andersdenkende ab 1938 immer weiter zuspitzt. In dem das Stück quasi im Publikum aufgeführt wird, nimmt der Zuseher intensiv Anteil an der systematischen Bedrohung und dem großen psychischen Druck , dem die Familie ausgesetzt ist. Die Romanvorlage von Elisabeth Zöller eröffnet Einblicke in die Alltagsbereiche des Nationalsozialismus. Dabei spiegeln die Figuren die ganze Spanne historisch vorfindlicher Einstellungen: fanatische Anhänger, faszinierte wie verblendete Jugendliche, gleichgültige Mitläufer, Menschen, die sich verweigern, entschiedene Gegner, Täter, Opfer.

Trailer: https://youtu.be/SNZRdg13rwg

3.PREIS
Spurensuche -Was für ein Mensch willst Du sein?

Ernst-Mach-Gymnasium Haar

Am Anfang stand die Spurensuche: Schülerinnen und Schüler des Ernst-Mach-Gymnasiums und der Mittelschule Haar nahmen historische und familiäre Recherchen über den Nationalsozialismus auf und begaben sich auf eine Reise in eine schwierige Vergangenheit. Ziel war es, die Spuren der NS-Zeit in der Gegenwart zu erkennen und daraus heraus auch das eigene Verhalten in der Welt zu reflektieren: Was für ein Mensch willst du sein?

Anhand von Recherchen vor Ort, in Institutionen, durch Zeitzeugengespräche und die Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte ist eine dokumentarisch-performative Aufführung entstanden, die auch einen regionalen Bezug aufweist: Viele Spuren führen in die ehemalige Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, in der es in der NS-Zeit zu „Euthanasie“-Verbrechen gekommen ist.

In den chronologisch entwickelten Aufbau der NS-Geschichte werden spotartig Schicksale von "Euthanasie"-Opfern eingeflochten: wichtige Lebenspunkte und Dokumente von Edith Hecht, Benno K. und Margarete W. Die Frage danach, was und wer als lebenswert beurteilt wurde, wird in verschiedenen Kontexten aufgegriffen und die Zuschauer performativ im Heute damit konfrontiert.

Das unter der Leitung der Theaterpädagogin Farina Simbeck und des Theaterlehrers Thomas Ritter entwickelte Theaterspiel zieht die Zuschauer nicht nur in seinen Bann, sondern direkt in die Aufführung hinein. Aufgeführt wird das Stück, das durch die Bürgerstiftung Haar, die Weiße Rose Stiftung, die Gemeinde Haar, VHS Haar und die Stiftung der Kreissparkasse ermöglicht wurde, von einer über 30-köpfigen Theatergruppe.

Projektkonzept und -idee: Farina Simbeck
Inszenierung: Farina Simbeck und Thomas Ritter
Es spielen: Schülerinnen und Schüler des Ernst-Mach-Gymnasiums und der Mittelschule Haar"

Trailer: https://youtu.be/DmTJCQYccLU

4.PREIS
Kannst Du Schweigen? Ich auch!

Bandhaus Theater Backnang

Dokumentarisches Theater über die systematische Ermordung von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen in der wüttembergischen Mordanstalt Grafeneck im Jahr 1940 - am Beispiel von einigen Backnangern, die damals, nur weil sie krank waren oder krank schienen, in der Mordmaschinerie in Grafeneck geraten und durch Giftgas getötet worden waren.
Zusammen mit Amateurspielern aus der Region Backnang haben Regisseurin Jasmin Meindl und Dramaturg Christian Muggenthaler auf der Basis von Dokumenten aus der Zeit ein Theaterstück erarbeitet, dass den Ermorderten Gesicht und Stimme geben soll. In dem Stück geht es um Gedenken an die Opfer und um Aufklärung über Motive und Mechanik auf Seiten der Täter.

Trailer:https://youtu.be/nDOpmePVRVc

5.PREIS
Rupprecht Villinger - Recht auf Leben
Geschwister Scholl Oberschule Bad Lear

Die Grundlage des Theaterstück ist die Biografie von Rupprecht Villinger, der am 18.06.1940 in der Anstalt Grafeneck ermordert wurde. Der Theaterpädagoge Wolfgang Gerdes entwickelte vier Erzählebenen, um das Schicksal von Rupprecht Villinger einzubetten. Die erste Ebene "Gewissen" dargestellt durch vier Figuren, die die Biografie Villingers ungefiltert vorlesen.
Die zweite Ebene ist die fragmentarische Darstellung der Gruppen "Aktivisten, Politiker, Juristen, Journalisten, Bürger" bezüglich ihres Verhaltens im Bereich Vergangenheitsbewältigung der NS-Zeit, insbesondere im Hinblick auf die NS-"Euthanasie". Die dritte Ebene ist der Bezug zur heutigen Gegenwart. Im Mittelpunkt steht Artikel 1 des Grundgesetztes der Bundesrepublik Deutschland sowie die Allgemeinen Menschenrechte. Als vierte Erzählebene werden 7 Musikstücke am Ende jeder Szene eingespielt, komponiert von Guido Blendermann.

Trailer: https://youtu.be/eJCYA3AWNaY

Sonderpreis der Lebenshilfe Berlin e.V. für eine besonders gelungene Umsetzung des Inklusionsgedankens
Der Brief
Theater 36 Hamburg

Theater 36 taucht nicht unmittelbar in das Euthanasie-Unrecht der Nazis ein, sonder nähern sich dem Thema von der Gegenwart aus. Die inklusive Theatergruppe entwickelte die Zugänge zur NS-"Euthanasie" gemeinsam indem jeder für sich die eigene Perspektive darstellt.
-eine ausführliche Würdigung der Jury folgt in den nächsten Tagen-

Förderpreis für eine hervorragende schauspielerische Einzelleistung
Kai Bosch - Bandhaus Theater Backnang
-eine ausführliche Würdigung der Jury wird hier in den nächsten Tage veröffentlicht-

 

Sonderpreis - Theater 36 - Der Brief
Förderpreis - Kai Bosch - Bandhaus Theater

Aufgabe

andersartig-gedenken-on-stage fördert Theater gegen das Vergessen: bundesweit sollen Theatergruppen angeregt werden, eine Opfer-Biographie ins Zentrum eines selbst-entwickelten Bühnenstücks zu stellen. Als Grundlage stehen den Teilnehmern ca. 100 frei zugängliche Opferbiographien zur Verfügung:
gedenkort-t4.eu

Die Theaterproduktionen können neben Fakten auch Fiktionen und Bezüge auf aktuelle gesellschaftspolitische Diskurse, wie z.B. den Umgang mit Menschen mit Behinderungen, bioethische Fragestellungen oder die Sterbehilfe, beinhalten. Die Stücke können als Drama, dokumentarisches Theater, szenischen Darstellung, szenische Lesung oder als Performance entwickelt werden.

Weitere Quellen finden Sie in der Rubrik "Material".

Thematischer Hintergrund

Als Teil der nationalsozialistischen Rassenideologie wurden bis 1945 ca. 300.000 Kinder, Frauen und Männer mit psychischer Erkrankung oder geistiger Behinderung systematisch ermordet. Ziel der nationalsozialistischen Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik war die Schaffung einer erbgesunden »arischen« Rasse. Ausgehend von sozialdarwinistischen Ideen, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg - auch in anderen Ländern Europas und in den USA - Eingang in die modernen Wissenschaften Eugenik und Rassenhygiene gefunden hatten, kam es zu Beginn des Zweiten Weltkrieges - beschleunigt durch ökonomische Interessen - zur völligen Pervertierung dieser Ideen. Trotz der hohen Opferzahl sind erst wenige Tausend Namen öffentlich zugänglich und von noch viel weniger Opfern ist ihre Geschichte bekannt.

Theater ist ein wunderbares Mittel, welches Brücken zwischen den Welten baut, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen fremden und eigenen Lebensgeschichten. Durch die Darstellung einer Opferbiographie wird die Geschichte greifbar, die grausamen Taten dennoch unbegreiflich. Theater schafft Begegnung und Austausch über persönliche Wahrnehmung der Geschichte und gibt dem Gedenken an die Opfer einen würdigen und lebendigen Raum.

Teilnahme

„andersartig gedenken on stage“ richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene. Zum einen ist der Wettbewerb für alle Schularten im Sekundarbereich offen – für reguläre Schulen, für inklusive Schulen und für Förderzentren. Der Wettbewerb spricht auch den außerschulischen Bereich an und will sich an Jugendfreizeiteinrichtungen wenden, an Amateurtheater für Jugendliche und junge Erwachsene. Diese sollen im Ensamble überwiegen, das bedeutet, dass die Teilnahme von Erwachsenen im weitesten Sinne nur dann möglich ist, wenn die Mehrheit der Teilnehmer innerhalb einer Gruppe Menschen zwischen 15 und 27 Jahre alt sind, oder wenn die Teilnehmer Menschen mit Behinderungen sind.

Kooperationen zwischen Theatergruppen mit Menschen mit und ohne Behinderung sind ausdrücklich erwünscht. Gerne unterstützen wir Sie Kooperationspartner zu finden.

Teilnahmeformular

Preisgelder in Höhe von 7.500€

Unter den eingesandten Aufzeichnungen der Aufführung wählt die Jury insgesamt 7 Preisträger für Geldpreise in Höhe von 7.500,-€:

1. Preis: 2.000,-€
2. Preis: 1.500,-€
3. Preis: 1.000,-€
4.+5. Preis: je 500,-€

+ Preis der Lebenshilfe Berlin für besonders gelungene Umsetzung des Inklusionsgedankens: 1.000,-€

+ Sonderpreis „Experten-Perspektive“ für eine herausragende Darstellung von Teilnehmern mit Behinderungen: 1.000,-€

Zusätzliche Sachpreise:
Die Sieger werden als Gruppe eingeladen, an der Preisverleihung am 01. Oktober 2016 teilzunehmen und ihr Siegerbeitrag im Anschluss aufzuführen. Darüber hinaus werden die Mitglieder der Siegergruppe eingeladen an einem 1-tägigen Theaterworkshop  teilzunehmen. 

Alle anderen Preisträger können jeweils zwei Vertreter nach Berlin zur Preisverleihung entsenden, die Reisekosten nach Berlin und 2 Übernachtungen mit Halbpension werden von den Organisatoren übernommen. 


Die mit dem 1. Preis ausgezeichnete Inszenierung wird während der Aufführung in Berlin aufgenommen und auf www.gedenkort-t4.eu reingestellt.

 

Einsendeschluss 29.04.2016!

Die Wettbewerbs-Einsendungen bis zum 29. April 2016 bestehen aus: 

  • Einer DVD mit einer Video-Aufzeichnung der vollständigen Inszenierung, sowie einem „Trailer“, d.h. einer Zusammenfassung in max. 5 Minuten.
  • Einer textlichen Kurzbeschreibung des Inhalts mit max. 1.000 Zeichen.
  • Erläuterungen und Gedanken zum eingereichten Entwurf anhand der Bewertungskriterien mit max. 1.000 Zeichen.
  • Teilnahmeformular/ Einverständniserklärung

 

postalische Einsendungen:

andersartig gedenken on stage

c/o SCHENcK

Mahlerstraße 38A

13088 Berlin

Jury

 

Michael Stacheder - Expertise für Regie

Schauspieler, Regisseur und Theaterleiter – 2004 Uraufführung von Jutta Schuberts Schauspiel “Die Weiße Rose – Aus den Archiven des Terrors” und Gründung von JUNGE SCHAUSPIEL ENSEMBLE MÜNCHEN (JSEM). Weitere Produktionen von JSEM: „Medea“ (2006), „Mit dem Gurkenflieger in die Südsee“ (2006), „Im Spiel der Sommerlüfte“ (2008), „Mala und Edek – Eine Geschichte aus Auschwitz“ (2009), „Lieben und Töten – Das kurze Leben des Heinrich von Kleist“ (2011), „Kikerikiste“ (2011), „Schweig, Bub!“ (2011), „Kalteis“ (2012), „Antigone“ (2012), „Besuch bei Mr. Green (2013), “Die Judenbank” (2014), “Mischpoke – Neuer Besuch bei Mr. Green (Dezember 2014).
Für das Theater Naumburg inszenierte Michael Stacheder im Februar 2014 “Das Herz eines Boxers” von Lutz Hübner, sowie im Juni 2014 für Ball & Jabara den musikalischen Theaterabend “Tango Bavaria”.

 

Prof. Dr. Marianne Hirschberg – Expertise für Inklusion

Lehrstuhl an der Universität Bremen mit dem Schwerpunkt Gesundheit, Menschenrechte, Disability Studies, Inklusive Bildung; In Berlin war sie zuvor als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Monitoring-Stelle zur UN-Behindertenrechtskonvention am Deutschen Institut für Menschenrechte (DIMR) sowie am Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft (IMEW) tätig; Ihre Promotion erlangte sie an der Technischen Universität Dortmund mit einer interdisziplinär angelegten Dissertation über die Konstruktion von Normalität und Behinderung.

 

Sigrid Falkenstein – Angehörigenperspektive

ehemalige Lehrerin, Buchautorin „Annas Spuren“ über die Biografie und den „Euthanasie“-Mord an ihrer Tante Anna Lehnkering, langjähriges Mitglied des Runden Tisches T4; Unterstützerin des realen Mahnmals an der Tiergartenstraße 4 für die Opfer der NS-„Euthanasie“.

 

Florian Kemmelmeier - historische Expertise

freier Mitarbeiter der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, freier Mitarbeiter der Topographie des Terrors. Konzeption und Durchführung eines breiten Spektrums von Führungen, Workshops und Seminaren, u.a. zu den nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen, sowie am Gedenk- und Informationsort Tiergartenstraße 4. Externer Assistent der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) im Projektbereich „Killing Sites“ (zu Orten von Massenerschießungen).

 

Sigrid Kolster - Expertise für Schauspiel

-staatlich geprüfte Auslandskorrespondentin, Germanistin und Romanistin, Sprechtheaterinterpretin und Sprechpädagogin
-Von 1994-99 Lektorin des DAAD in Brünn/Tschechien an der Pädagogischen und Philosophischen Fakultät Brno, Leitung einer Theatergruppe, Organisation eines Theaterfestivals in Mittel-/Osteuropa
-2002 Ausbildung zur Schauspielerin an der Hamburger Schauspielschule/Dieter Bartel
-freiberufliche Dozentin für Atem-, Stimm- und Sprechtraining, Textgestaltung, Dialogregie, Schauspielgrundlagen sowie Rollen- und Szenenarbeit und Lehrkraft für DaF/DaZ
-Regieassistenz unter der Leitung von Jurij A. Vasiljev (Akademie St. Petersburg) und u.a. dem Hamburger Regisseur Dieter Seidel
Synchronsprecherlehrgang bei Peter Minges in Hamburg

 

Bewertungskriterien

Die Bewertung des Wettbewerbsbeitrags führt aufgrund der u.g. Qualitätskriterien zu einer Gesamtpunktzahl von maximal 100 Punkten:

Gestaltungsidee/ Herangehensweise
Erzählform, Dramaturgie, Stringenz, Stilistik, Verbindung der zu erzählenden Biographie mit fiktiven Inhalten, Bezug auf die Gegenwart, Qualität des Manuskripts

max. 30 Punkte

Künstlerischer Anspruch
Bühnenbild, Ton und Licht, Leistung der Darsteller, Authentizität

max. 20 Punkte

Historischer Ansatz
Umsetzung der Opfer-Biographie und des Themas der „NS-Euthanasie“ – korrekte Darstellung der historischen Fakten, verständliche und nachvollziehbare Darstellung der ausgewählten historischen Ereignisse

max. 20 Punkte

Inklusiver Ansatz
Die Umsetzung des Inklusionsgedankens wird in der Auswahl der Jury aus einer der drei Perspektiven gewürdigt:

o die Botschaft des Stückes und dessen Stellungnahme zur Inklusion

o Zusammenarbeit von TeilnehmerInnen mit und ohne Behinderung

o Auf der Ebene der Verarbeitung des Themas durch Teilnehmer mit Behinderungen, die Perspektive von innen

max. 30 Punkte

 

"Zeigt das Leben!"

ZEIGT DAS LEBEN!

Wie das Theater die zukünftige Erinnerungsarbeit bereichert.
von Michael Stacheder, Junges Ensemble Schauspiel München

Ich bin kein großer Fan von hohen Stelen oder monströsen, geometrischen Denkmälern, die eher aufgrund ihrer modernen Architekturkunst für Aufsehen sorgen, als dass sie zum Weiterdenken und zum Weitertragen der Geschichte anregen. Ein bloßes Denkmal, in den meisten Fällen nur durch eine mit den nötigsten historischen Daten und Fakten bestückter Gedenktafel ergänzt, ist starr, unbeweglich, kalt. Das Denkmal mahnt, es setzt nur schwer etwas in Bewegung. Es kommt nichts in Gang. Es bleibt stehen, verharrt in ihrer beeindruckenden Architektur aus Beton, Glas oder Stein. Für mich hat “Erinnern” sehr viel mit Bewegung und Austausch zu tun. Der Prozess eines heutigen “Erinnerns für die Zukunft” muss lebendig und emotional gestaltet werden.

Um so mehr überzeugt und freut mich der Theaterwettbewerb andersartig gedenken on stage für Schul- und Amateurtheatergruppen, denn er macht das Erinnern emotional greifbar. Ein wichtiges Projekt, welches neue Wege in der Erinnerungsarbeit für die Zukunft auslotet und beschreitet.
Für mich ist das “Erinnern” an die nationalsozialistische Diktatur und die damit verbundenen Gräueltaten und Massenmorde mehr als ein “mahnen”, sondern viel mehr ein “weitergeben”, ein “weitertragen” und ein weiterdenken” bis in die Gegenwart hinein. Mahnen hat für mich immer sehr viel mit “schlechtem Gewissen” zu tun und ein “schlechtes Gewissen” muss die junge Generation, der ich mit meinen 35 Jahren ebenfalls noch angehöre, nicht mehr haben. “Schlechtes Gewissen” lähmt den kritischen Umgang mit der Geschichte. “Schlechtes Gewissen” lähmt auch den kreativen Umgang mit dem Erinnern, den wir in den nächsten Jahrzehnten so dringend benötigen. Wir können nichts für die Taten der letzten Generationen. Aber wir haben die Verantwortung, dass die Taten und die Opfer die sie forderten, nie in Vergessenheit geraten.

Während ich an diesem Text arbeite, entdecke ich das Buch von Philip Meinhold, welches in diesem Jahr erschienen ist. Philip Meinhold erzählt in seinem Buch von der Auseinandersetzung dreier Generationen einer deutschen Familie mit der Shoah und der eigenen Vergangenheit. Er gibt seinem Buch ganz treffend den Titel: “Erben der Erinnerung”.

“Wir, die Zeitzeugen, sind nicht nur Zeugen der Zeit, sondern auch Zeugen auf Zeit. Unsere Pflicht ist es, weiterzugeben, was gewesen ist.”
(Max Mannheimer)

Ja, wir sind die Erben der Erinnerungen einer Kriegs- und Nachkriegsgeneration, die sich bis in die späten 1980er Jahre schwer tat, mit dem Erlebten umzugehen, darüber zu sprechen, sich mitzuteilen. Aber weniger sind wir Nachlassverwalter, als lebendige Übermittler der Erinnerung. Ich meine damit nicht die historischen Fakten zu verändern, zu beschönigen oder gar wegzulassen, nur um sie erträglicher zu machen. Nein. Wir müssen die Erinnerungen, die uns Zeitzeugen wie Max Mannheimer, Ruth Klüger oder Esther Bejarano in den letzten Jahrzehnten hinterlassen, annehmen, bewahren und ohne sie zu verfälschen weitererzählen. Das Gut der Erinnerung wird von Generation zu Generation weitergegeben. “Letztlich versagt unser Sprachvermögen, wenn wir über das “Unsägliche” wie Theodor Adorno es nennt, sprechen wollen.”, so Max Mannheimer in seiner Rede anlässlich des Gedenktages “Jom Haschoa” an die Opfer des Holocaust 1999.

“Jede Generation muss für sich das Erinnern neu formulieren”.

Die Zeit der Zeitzeugen wird in wenigen Jahren zu Ende gehen. Die Stimmen der Zeitzeugen werden verstummen. Was machen wir mit den vielen offenen Fragen der Generationen nach uns? Können wir sie überhaupt guten Gewissens beantworten? In den letzten Jahren hat man versucht, die Stimmen der Zeitzeugen der Shoah, der NS-Greultaten wie der sogenannten NS-”Euthanasie” oder der Verfolgung von Homosexuellen und Sinti und Roma zu archivieren. In unserer fortgeschrittenen, digitalisierten Welt kein großes Unterfangen. Doch reicht das? Kommt uns mit dem Ende der Zeitzeugen nicht etwas ganz Entscheidendes abhanden? Was zeichneten die direkten Lebenserzählungen der Zeitzeugen so besonders?
Es war diese unmittelbar spürbare Emotionalität, die von dem Gegenüber ausging, die uns zutiefst beeindruckte und zugleich verstörte. Diese Emotion wird in digitaler Form nur bedingt und begrenzt übertragbar sein.

“Theater ist emotionales Erinnern.”

Das Theater wird nach der “Zeit der Zeitzeugen” einen festen Platz innerhalb der Erinnerungskultur einnehmen und diesen festigen. Das deutschsprachige Theater versuchte in den Nachkriegsjahren bis heute immer wieder aufs Neue, die unfassbaren Geschehnisse der nationalsozialistischen Diktatur für die Gegenwart zu thematisieren und aufzuarbeiten, sowie Stücke über den Widerstand auf die Bühne zu bringen.
Aber kann man z.B. einen Schreckensort wie das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau realistisch auf die Bühne bringen? Nein, man kann es nicht. Das “Unsägliche” würde zu unsäglichem “Holocaust”-Kitsch verblassen. Das “Unaussprechliche” würde mit aller Gewalt zurückschlagen. Man muss es auch nicht. Die Bilder, die wir alle aus den unzähligen Dokumentationen und Gedenkausstellungen kennen, sind in uns präsent genug, um Assoziationen herzustellen. Viel mehr geht es darum, das Publikum, den Zuschauer und Zuhörer, emotional zu berühren. Assoziationsflächen für die Phantasie des Publikums zu schaffen, um Geschichte erlebbar werden zu lassen.
Der Großteil meiner bisherigen Regiearbeiten hat das Erinnern an diese dunkle Zeit des 20. Jahrhunderts bestimmt und maßgeblich beeinflusst. Was vor elf Jahren mit der Uraufführung eines Schauspiels über die Münchner Widerstandsgruppe “Die Weiße Rose” seinen Anfang nahm, setzte sich mit der Beschäftigung des Schicksals von “Mala und Edek” fort und nahm 2014 die Fortsetzung mit der “Judenbank”, einem Volksstück, indem der Protagonist am Ende Opfer der sogenannten T4-Aktion der Nationalsozialisten wird: Theater als emotionales Erinnern.

Zeigt das Leben!

Als ich gefragt wurde, was würden sie den Teilnehmern des Wettbewerbs andersartig gedenken on stage mit auf dem Weg geben, antworte ich spontan: Sie sollen das Leben zeigen! Ja, zeigt das Leben! Zeigt nicht das Sterben, das Töten. Das Ende ist uninteressant. Erzählt die Lebensbiografien nicht vom Ende ausgehend, sondern erzählt vom Leben.
Jedes einzelne Leben der ca. 300.000 Opfer der NS-”Euthanasie” ist es wert auf die Bühne gebracht zu werden.

Es geht nicht darum, irgendein voyeuristisches Gefühl der Zuschauer zu befriedigen. Das Töten und Sterben liest sich in den Protokollen zu den T4-Aktionen, den Akten und Briefen immer gleich. Das behördliche Töten der Nationalsozialisten war ein unmenschlicher, lapidarer Vorgang, der im stillen, ohne viel Aufsehens zu erzeugen, vollzogen wurde.

Die Stücke, die aus den zur Verfügung gestellten Lebensbiografien entstehen werden, müssen das Leben zeigen. Das Theater ist ein wunderbares Mittel, welches Brücken zwischen den Welten baut, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen fremden und eigenen Lebensgeschichten. Den Schauspielern meiner Weißen Rose-Inszenierung habe ich jeden Tag während den Proben folgendes zugerufen: “Zeigt nicht das Fallbeil! Hinterfragt die Protagonisten! Geht kritisch mit ihnen um! Zeigt sie als Menschen, mit ihren Fehlern und Abgründen. Zeigt sie mit ihrem Idealismus und ihrer Naivität! Zeigt sie mit ihrem starken Willen, etwas zu verändern. Lasst sie kämpfen, mit sich und der Welt. Lasst das Fallbeil nicht das ganze Stück über allem schweben. Zeigt das Leben, das bewegt mich als Zuschauer mehr als alles andere.”

Das Theater darf und muss von Menschen erzählen, von ihren Sehnsüchten, ihren Hoffnungen und Wünschen, ihren Ängsten und Träumen, ihrer Wut und Ohnmacht, ihrer Verzweiflung. So wird für die Zuschauer greifbar, dass es Menschen wie “Du und ich” waren. (Dies gilt ebenso für mögliche Täter-Figuren!) Es gilt, die Lebensdaten und Fakten mit Leben zu füllen. Vieles wird man aus den vorliegenden Archivmaterial bestimmen und nachvollziehen können, einiges wird im Unklaren bleiben. Die biografischen “Leerstellen” können aber auch behutsam mit Hilfe der Rollen- und Biografiearbeit ergänzt werden. Das erfordert eine hohe Sensibilität und Empathie. Aber nur Mut, im Laufe der Beschäftigung mit den einzelnen Lebensbiografien werden die “Protagonisten” zu sprechen beginnen:

Durch diese fiktive Ergänzungen gibt man ihnen vielleicht sogar ein wenig Würde und Leben zurück, um das man sie durch das mörderische Verbrechen beraubt hat.

Es gibt viele Methoden der Rollen- und Biografiearbeit. Wichtig ist bei historischen Stückentwicklungen, dass man die vorhandenen Quellen genauestens prüft, historisch belegbare Fakten berücksichtigt und diese korrekt wiedergibt, sowie in die Charakterisierung der Figuren einarbeitet. Biografische Eckdaten und charakteristische Eigenschaften ergeben eine Persönlichkeit.

Damit die Findung der jeweiligen Figur für die Darstellenden eine spannende und bereichernde Entdeckungsreise wird, sollte man eines nicht aus dem Auge verlieren: alles ist ein (Theater) Spiel! Wir bauen Empathie zu den Protagonisten der Opferbiografien auf, verlieren uns aber nicht in unseren Emotionen und Gefühlen. Darauf sollte und muss geachtet werden. So sollte trotz aller Ernsthaftigkeit vor allem bei den Proben der Humor nicht zu kurz kommen und nach schwierigen, oftmals sehr emotionalen Szenen hilft z.B. ein Nach-Gespräch bei einem gemeinsamen Ensemble-Essen. Der Austausch hilft dem Einzelnen besser mit den “Erfahrungen des Erinnerns” umzugehen und gleichzeitig entwickelt das Ensemble ein Gefühl von Zusammengehörigkeit.

Die Entwicklung der Rollenbiografie kann man nicht kreativ genug angehen. Neben den historischen belegbaren Fakten ist es die eigene Phantasie und das Einfühlungsvermögen des Einzelnen, welche die Figur auf der Bühne zu neuem Leben erwachen lässt. Der Autor des Stücks, die Schauspieler und der Regiesseur geben den Opfern ihre Stimme.

Wie ich schon erwähnte, gibt es viele Methoden die Rollenbiografien zu entwickeln. Jeder Schauspieler, Regisseur entwickelt im Laufe seines Berufslebens seine ganz eigene, persönliche Methode, um die Figuren lebensnah auf die Bühne zu bringen. Es sind die einfachen Dinge, die eine Rolle lebendig werden lässt. Wie hat die Rolle/der Mensch gelebt? Wie hat er neben seiner Arbeit sein Leben gestaltet? Was hat er gerne unternommen? Hat er gerne gelesen? Falls ja, was hat er gelesen? Welche Musik hat er gerne gehört? Ging er gerne in Konzerte? Welches war sein Lieblingsessen und warum? Welche Geschichte verbindet er mit seinem Lieblingsgericht? Einfache Fragen, die uns eine ganze Welt eröffnen, denn aus den Fragen ergeben sich Antworten und daraus wieder neue Fragen. Am Ende werden wir gar nicht mehr aufhören können zu fragen.

Diese Findungsphase kann man auch ganz kreativ gestalten. So gibt es z.B. seit einigen Monaten in den Sozialen Medien eine Aktion, die immer am 12ten eines Monats stattfindet: #12von12.* Blogger dokumentieren fotografierend ihren ganz persönlichen 12ten Tag im Monat und posten im Laufe des Tages 12 Fotos mit kleinen Notizen, Anmerkungen, Geschichten auf Instagram, Twitter oder Facebook. Deshalb auch der Hashtag #12von12. Hier könnte man sich z.B. Anregungen für seine eigenen Biografien zusammensuchen oder wie wäre es, wenn man selber als “Rolle” einen Tag dokumentieren würde? Wie hätte ein Tag für die Rolle ausgesehen? Ein spannender, wie kreativer Versuch sich an eine Rollenbiografie anzunähern.

Auch gibt es die Möglichkeit, sich über Porträtaufnahmen oder Familienaufnahmen an das Leben der Protagonisten anzunähern. Wenn z.B. Bilddokumente vorliegen, welche die Protagonisten zusammen mit ihren Familien zeigen, empfiehlt es sich unter anderem die Körperhaltung der Protagonisten zu studieren, um sie so später ins Spiel auf der Bühne integrieren zu können. Die Bilder verraten daneben sehr viel aus dem Alltagsleben der Menschen. Daraus können sich viele Geschichten oder Szenen entwickeln, welche wiederrum die Stückentwicklung als Ganzes bereichern.

Ich wünsche den Teilnehmern des Theaterwettbewerbs andersartig gedenken on stage viele spannende, emotionale Momente des Erinnerns und ein großes Toi Toi Toi für ihre Arbeiten.

Geht auf Spurensuche!

Michael Stacheder
14. Dezember 2015

weiterführende Informationen:
draussennurkaenchen.blogspot.de

Theaterregisseure erzählen...

Gisela Höhne - Theater Ramba Zamba

EUTHANASIE. Was für ein schreckenerregendes Wort, wenn man ein Kind mit Down Syndrom hat und die Bücher von Klee und Götz Aly gelesen hat.
Ein Wort, das mich verpflichtet, hochgradig sensibilisiert und mich nichts entschuldigen läßt, auch wenn Götz Aly zu gewissem den Umständen geschuldeten Verständnis mahnt.

In der Theaterarbeit von RambaZamba gab es dreimal Erfahrungen mit dem Thema. Das erste Mal bereiteten wir 1994 eine Matinee im Deutschen Theater Berlin vor, in der Giora Feidmann zusammen mit Künstlern von Sonnenuhr, so hieß damals der Verein, auf der Bühne musizierte und bekannte Schauspieler des Deutschen Theaters Texte von Augenzeugen lasen. Schon in den Vorbereitungsworkshops verließen uns Teilnehmer, weil allein das Wort Euthanasie sie tief erschreckte. So berichteten es uns die Betreuer, die über die Reaktionen tief beunruhigt waren. Diese Menschen waren zu jung, um es erlebt zu haben, aber doch alt genug, um die Stigmatisierung in beiden deutschen Staaten erlebt zu haben, aber auch den Nicht-Umgang mit diesem Verbrechen spürten, das insgeheim immer noch viele Deutsche in Ordnung fanden. Menschen mit geistiger Behinderung haben einen ungeheuer starken Draht zu allem, was verschwiegen wird. Giora Feidmann hatte sehr spät verstanden, daß es darum geht und war entsetzt. Er wollte keine Aufarbeitung, sondern diese Menschen glücklich machen. In der Matinee lief es dann so, daß die Teilnehmer mit einer Behinderung die Bühne verließen, wenn die Texte gelesen wurden.

Das nächste Mal beschäftigten wir uns in der Vorbereitung zu dem Stück „Mongopolis“ mit der Auslese unperfekter Lebewesen zugunsten perfekter. Ein Sciencefiction-Krimi-Comic nannten wir ihn. Frech, witzig, unsentimental. Es spielte in der Zukunft, alles „ungefährlich“. Aber dann gab es die Probe, in der Adam die letzten drei Perfekten auswählen sollte und damit auch die bestimmen, die „aussortiert“ werden. Der Adam-Darsteller wählte versehentlich vier aus. Der Teufel-Darsteller schrie: „Drei und nicht vier!“ Schon bevor der Darsteller erneut gewählt hatte, brach einer der vier zusammen und weinte, und plötzlich war allen klar, worum es ging. Nicht nur er weinte, alle, und wir konnten lange nicht proben und haben viel Zeit für die Stabilisierung der Spieler gebraucht. Die Lösung, die wir dann stets spielten, war für alle keine Belastung mehr, denn das Publikum wird aufgefordert, die drei auszuwählen, die , angesichts knapper Wasserresourcen, geboren werden sollen. Die Kamera fährt die Gesichter ab und projeziert sie groß. Die Spieler spüren, daß sie die Aufgabe los sind und fühlen sich, eingebettet in das Stück, sicher. Das Erschrecken liegt beim Publikum, das bis dahin viel gelacht hatte. Nur Publikumsgespräche gehen gar nicht mit ihnen. Hier brachen sie jedes Mal in heftiges Weinen aus. Darum gibt es das nicht mehr. Es zeigt, wie dünn die Haut ist und wie genau sie um ihre fragile Existenz wissen.

Das dritte Erlebnis hing mit der Buchvorstellung von Götz Alys Buch „Die Belasteten“ im Jahr 2013 in der Berliner Charite zusammen. Er hatte uns gebeten, ein Programm mit ihm zusammen zu erarbeiten. Die Gruppe war zu diesem Zeitpunkt schon sehr erfahren und konnte gut reflektieren. Wir ließen zwei Darsteller, die im Rollstuhl sitzen und keine geistige Beeinträchtigung haben, einige Kapitel aus dem Buch lesen, die Aly zusätzlich erklärte. Andere Schauspieler sangen Lieder aus der „Winterreise“, die wir seit einigen Jahren als szenisches Musikstück spielen und Gedichte von Else Lasker-Schüler und Inge Müller sprechen. Di, die sie aus „Orpheus ohne Echo“ kannten. Es wurde ein tief bewegender Abend von großer künstlerischer Qualität und starker Wirkung. Die Schauspieler waren geschützt durch die künstlerische Form ihrer Beiträge, die Künstler im Rollstuhl Nur eine Schauspielerin kam erst in der Aufführung mit den Buchtexten in Kontakt. Sie begann immer mehr zu weinen und wurde sanft hinausgeführt. Noch eine ganze Weile hallte in den gekachelten Fluren ihr lautes Weinen und begleitete das Programm. Sie kam wieder und sang gefaßt ihr Lied. Was für eine Kraft!

 

Dominik Bender - Theater Thikwa

Schillers Schreibtisch

Im Jahr 2014 habe ich zusammen mit meiner Frau Antje Siebers am Theater Thikwa Berlin das Stück „Schillers Schreibtisch“ entwickelt.
Ich stand dabei mit fünf „behinderten“ und einer „akademischen“ Kollegin auf der Bühne. Inspiriert von Dieter Kühns Buch „Schillers Schreibtisch in Buchenwald“ entstand eine szenische Collage, die sich mit der höchst widersprüchlichen Identität der Stadt Weimar als Ort nationalsozialistischer Verbrechen und als Hort deutschen Dichter- und Denkertums befasste.

Die „Euthanasie“ wurde dabei in diversen Szenen thematisiert. Neben überwiegend dokumentarischem Material (Schulunterricht über „Ballastexistenzen“, Verteidigungsrede von Viktor Brack, Auszüge aus dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“) führten wir auch Interviews mit den beteiligten Schauspielern, in denen es u.a. um Begriffe wie „Sterbehilfe“, „Erlösung“ oder „Schlafspritze“ ging. Teile aus diesen Gesprächen sind dann in die Textfassung des Stücks eingeflossen.

Bei der Inszenierung ging es uns nicht um eine naturalistische Darstellung von Tätern oder Opfern, sondern um die Findung von Bildern und Situationen, in denen die Schauspieler mit einer vor allem gebotenen Distanz das zum Teil natürlich erschreckende Textmaterial zitierend verkörper(liche)n ohne dabei instrumentalisiert zu werden. Dabei war es uns auch immer sehr wichtig, über die tatsächlichen (historischen) Vorgänge so genau und umfangreich wie möglich aufzuklären. D.h. jeder hatte je nach intellektueller Kapazität eine Ahnung oder Vorstellung davon, was es im schlimmsten Fall hätte bedeuten können, sich nicht im Jahr 2014 sondern 70 Jahre früher zu befinden.

Ganz besonders hilfreich in diesem Zusammenhang war sicherlich auch ein gemeinsamer Tagesausflug nach Weimar, der uns sowohl nach Buchenwald alsauch ins Schillerhaus führte. Dabei wurden beide Aspekte des Theaterstücks für alle Beteiligten sehr konkret und vor allem sinnlich erfahrbar.

Einige der Mitwirkenden waren im Nachhinein geradezu stolz darauf, dass sich ihr Theater Thikwa in dieser Produktion als „inklusives/integratives“ Theater so dezidiert mit diesem Thema auseinandergesetzt hat.

 

Video - Tipps&Tricks

Der Dokumentarfilmer Simon Brückner stellte für Euch ein Handout zusammen, wie Videoaufnahmen von Theaterstücken gelingen können und wie ein Trailer gestaltet werden kann. Wir stellen Euch den Text hier zur Verfügung. Es sind ausschließlich Empfehlungen. Ihr könnt dort Anregungen finden. Die technische Ausführung der Videoaufnahme und des Trailers wird nicht bewertet.

hier Tipps und Tricks runterladen